Tierschützer rücken Kürschner mit Säure auf den Pelz
Anschlag auf Traditionsgeschäft am Rindermarkt - Schaden schlimmstenfalls mehrere Hunderttausend Euro - Inhaber rügt „tendenzielle Berichte“ im Vorfeld
Das Hinweisschild und verätzte Türgriffe deuten auf den Anschlag hin. Kürschnermeister Marcus Müller hat das mit Butansäure belastete Traditionsgeschäft am Rindermarkt bis 10. September geschlossen. (Foto: Jäger)
von Christian Karl
„Wir leben schon seit gut zehn Jahren mit Anschlägen von Tierfreunden“, sagt der Passauer Kürschnermeister Marcus Müller, „aber erstmals jetzt in dieser Variante und in dieser Dimension.“ Mit ätzender, stinkender und gesundheitsgefährdender Butansäure ist vergangene Woche das Traditionsgeschäft „Marena mode + pelz“ am Rindermarkt attackiert worden. Der Schaden könnte schlimmstenfalls in die Hunderttausende gehen.
Der Anschlag auf das mittlerweile einzige von ehedem fünf Pelzgeschäften in Passau hat sich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch zugetragen. Nach bisherigen Polizeiermittlungen haben der oder die Täter die giftige Säure im gesamten Eingangsbereich des Geschäfts, um und in den Türen sowie am Briefkasten und an der Fußmatte ausgebracht.
„Ich habe am Mittwoch beim Aufsperren sofort erkannt, dass da etwas versprüht worden ist, weil die Messinggriffe an der Tür verätzt waren“, sagt Marcus Müller. Über die dann folgenden Dimensionen war sich der Kürschner jedoch nicht bewusst. Durch das Öffnen des Geschäftsraums konnte sich die stinkende Säure auch Zutritt ins Ladeninnere verschaffen. Auch die ermittelnden Kripobeamten transportierten später über die belastete Fußmatte unwissentlich weitere Säuresubstanz, die laut Müller bis zu 70 Stunden lang das Umfeld kontaminieren könne. „Die ganze Ware ist belastet“, sagt Müller. Erst dieser Tage war der Laden mit frisch eingetroffener Herbst- und Winterware gefüllt worden.
Jetzt ist das Geschäft vorerst bis zum 10. September geschlossen. Im Inneren arbeiten zwei große Ventilatoren und eine Luftaustauschmaschine, um der Geruchsbelästigung im Verkaufsraum und in der Ware Herr zu werden. „Wenn der Geruch nicht zu neutralisieren ist, geht der Schaden wohl in mehrere Hunderttausend Euro.“ Die Versicherung gegen Vandalismus würde den Einkaufspreis für unverkäufliche Mode wohl tragen, aber für Müller würde trotzdem ein großes Problem bleiben: „Ich kann keine neue Ware für Herbst und Winter mehr bekommen. Wir haben für die extra gefertigten Sachen ein halbes Jahr Vorlauf.“
Die Motivation der Täter bringt der Kürschner auch mit aktueller „sehr tendenzieller Berichterstattung“ in einer Sonntagszeitung in Verbindung, die von der internationalen Katzen-Mafia schrieb, die auch in der Region Passau Katzen für die Pelzindustrie einfange. „So was wäre wirtschaftlich total unsinnig und aufwendig. In der Pelzproduktion braucht man lauter gleiche Felle, und nicht eine Katze aus diesem Dorf und eine ähnlich farbige aus einem anderen Dorf“, so Müller. „Und außerdem sind Hunde- und Katzenpelze in Europa schon wegen der Kultur - anders als zum Beispiel in China - für Kunden kein Thema.“
Für Marcus Müller ist es nicht der erste Ärger mit Anschlägen. Seit 1999 sind der 38-Jährige und seine Mutter fast schon regelmäßig mit Schmierereien („Mord“, „Pelz-Mord“) und kritischen Aufklebern, Demonstrationen vor der Ladentür, anonymen Anrufen und sogar Morddrohungen konfrontiert. „Kurz vor dem Anschlag ist an unserer Privatadresse ein Farbanschlag mit dem Schriftzug ,Tiermord ALF ’ verübt worden“, lässt Müller wissen. Nicht zuletzt deswegen bringt er die jüngste Ladenattacke auch mit der weltweit und offenbar auch in Passau agierenden Tierbefreiungsfront ALF (Animal Liberation Front) in Verbindung. Erstmals setzt Müller jetzt eine Belohnung (3000 Euro) für Hinweise aus, die zur Ergreifung der Täter führen. „Trotz aller Erfahrungen, Ärger und diesem Anschlag in einer neuen Dimension werde ich meinen Beruf sicher nicht aufgeben“, sagt der Modespezialist resolut.